Rückkehr der Spinnen

Es war einmal ein kleines Fleckchen Land. Auf diesem Fleckchen lebten ein paar Menschen, denen ging es eigentlich ganz gut. Sie hatten, sich stets regelmäßig abwechselnde, Arbeits- und Ruhephasen, die sie durchaus nicht überforderten, was man vor allem daran bemerkte, dass die meisten bis spät in die Nacht auf waren und immer genug Energie hatten sich mit den anderen um sich herum zu unterhalten. Ein halbwegs ausgefülltes Leben, möchte man meinen.

So war auch mein Eindruck, als ich mit meinem Schrank auf einer Anhöhe halt machte und mir Fleckenhausen ansah. Kurz war ich am Überlegen, ob ich hier Hilfe gegen die Kakerlakenplage bekommen würde, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, das würde nicht viel werden und dementsprechend habe ich es gelassen. Gegen die Kakerlaken, die selbst Kafka schockiert hätten, würde ich hier keine Hilfe finden. Aber da es schon spät war dachte ich mir: Hey, bleibst du einfach über nacht hier, unterhältst dich ein wenig mit den Leuten, hörst neue Geschichten, die das Leben schreibt und machst dich dann morgen früh, nach ein paar Stunden Schlaf, wieder auf den Weg. Gedacht, getan!

So steuerte ich meinen Schrank vorsichtig näher an das Dorfzentrum heran, die Reaktionen der Einwohner abwartend. Aber selbst wenn ein fahrender Schrank an dem ein paar letzte Spinnweben hängen, der staubig ist und aus dem Staubflusen neugierig die Menschen mustern nun nichts wirklich alltägliches ist, so wurde ich doch so gleich freundlich aufgenommen und begrüßt. Also lüftete ich ein bisschen den Schrank, gönnte meinen Flusen ein bisschen Auslauf und setze mich mit auf den Marktplatz. Bei einem kühlen Bier lauschte ich den Geschichten der Anwesenden. Was sie nicht alles erlebt hatten! Ich hörte Geschichten voll Freude, Trauer, Witz und Grauen. Begeistert hörte ich zu und merkte so erst gar nicht, dass scheinbar nur ich und der jeweilige Erzähler mit Feuereifer dabei waren. Der Rest schaute desinteressiert in der Gegend rum oder tuschelte in scharfen Tönen miteinander. Mit jeder Minute schien die Stimmung der Agression immer deutlicher zu werden. Wurde erst nur getuschelt wurden die scharfen Worte nun deutlicher und lauter. Desinteresse wandelte sich in offene Ablehnung gegenüber den anderen.

Meine Staubflusen schienen den Stimmungswechsel auch wahrgenommen zu haben, denn sie sammelten sich am Schrank und versuchten durch die nur angelehnte Tür ins Innere zu kommen. Schnell half ich ihnen, zum Teil aus Mitleid, zum Teil um selbst etwas weitervon den Dorfbewohnern wegzukommen. Was war nur passiert? Warum wurde aus der Unterhaltung plötzlich so ein Hexenkessel? Vielleicht weil es keine Unterhaltung war. Plötzlich überkamen mich Erinnerungen an die Grabenkämpfer, denen ich vor einiger Zeit begegnete. Irgendwie ähnelten sich die beiden Situationen. Was damals festgefahrene Positionen waren, waren hier altbekannte Positionen! Die Menschen hier hatten sich schon alles erzählt und gingen in ihrer Langeweile nun einfach selbst aufeinander los.

Ich fragte mich, ob sie sonst nichts zu tun hatten. Gab es für sie nichts anderes, als das abendliche Zusammensitzen und aufeinander losgehen? So viel lag um ihren Flecken Land. Kamen sie denn nicht raus? Blieben sie immer hier? Hatten sie kein Leben?

Ich packte meine Sachen und floh beinahe in die Nacht. Und dabei sah ich sie…die Spinnweben, die sich wie eine fast unsichtbare Barriere um den Flecken Erde spannten. Ich war geübt, ich konnte die Barriere durchdringen, aber die Menschen innerhalb der Spinnweben hatten dies scheinbar nie gelernt. Ach, wie viel ihnen doch entging…aber wahrscheinlich waren sie gar nicht bereit dafür, aus ihrem kleinen abgeschotteten „Universum“ befreit zu werden…oder? Doch dann sah ich die Schatten von Spinnen und wusste, dass ich nichts ausrichten konnte. Alle meine Argumente wären abgeprallt, nichts zu ihnen durchgedrungen. Und so verließ ich diesen Ort. In der Hoffnung demnächst mal wieder an einen angenehmen Ort zu kommen…

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